Schrecken der Vergangenheit
 
Projekt 45 - Franziska

Zeitzeugenbefragung

Ich habe meine Großmutter interviewt. Sie wohnte 1945 am Rande Berlins.
Heute ist sie 85 Jahre alt und lebt in Berlin- Hermsdorf.

Wie und wo habt ihr im Krieg eigentlich gelebt?

Wir wohnten am Rande Berlins – zum Glück nicht mittendrin. In nur zwei Zimmern lebten wir teilweise mit fünf Personen. Die Wohnungen meiner Eltern und meiner Geschwister waren ausgebombt und so kamen sie übergangsweise zu uns. Die Verhältnisse waren sehr beengt und wir mussten ganz schön zusammenrücken, aber das hat uns damals wenig gestört.

Wie habt ihr vom Kriegsende erfahren und was habt ihr dabei empfunden?

Vom Kriegsende haben wir im Radio erfahren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich und erleichtert wir waren. Das ganze Elend, die fürchterliche Angst und der unaussprechliche Schrecken sollten nun zu Ende sein? - Wir brauchten schon einige Zeit, bis wir wirklich daran glauben konnten. Andere Sorgen waren aber noch nicht vorbei:
Hatte auch Großvater den Krieg überlebt oder war er gefallen? War er vielleicht in Kriegsgefangenschaft geraten? Wie würde es für uns weitergehen? Wovon sollten wir leben?

Was war mit Großvater eigentlich geschehen?

Das letzte Lebenszeichen vom ihm war schon mehrere Wochen alt – ein Brief von der Westfront. Er war nämlich in Frankreich bei der Infanterie stationiert. Später erfuhr ich, dass er schon einige Zeit vor der Invasion der Alliierten desertiert war. Er hielt sich zuerst versteckt, um nicht als Fahnenflüchtiger erschossen zu werden und später um nicht in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Monate später kam er zum Glück unversehrt nach Hause zurück.

Was sind deine schlimmsten Erinnerungen an den Krieg?

Die dauernden Bombenangriffe – teilweise Tag und Nacht. Dauernd waren wir in Alarmbereitschaft – auch nachts schliefen wir deswegen meist angezogen, die wenigen Habseligkeiten immer griffbereit. Wenn der Höllenlärm der Sirenen uns aus dem Schlaf riss, musste alles schnell gehen, um in einen der nahegelegenen Bunker zu fliehen. Die waren meist überfüllt, überwiegend von Frauen, Kindern und alten Menschen – die unbrauchbar für den Krieg waren. Viele gerieten in Hysterie und Panik, schrien, weinten, wimmerten oder beteten angesichts der in der Nähe einschlagenden Bomben und Granaten. Die Angst selbst getötet zu werden, war in diesen Momenten allgegenwärtig.
Noch heute erinnern mich Gewitter an die damaligen Fliegerangriffe.

Ist euer Haus auch zerbombt worden?

Wir hatten Glück, dass wir am Stadtrand gewohnt haben. Hier waren die Zerstörungen nicht so massiv wie in der Innenstadt, wo ja kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Unser Haus ist wohl deswegen verschont geblieben.

Wovon habt ihr nach Beendigung des Krieges gelebt?

Damals gab es, wie im Krieg selbst, wenig zu essen. Das Leben bestand in hohem Umfang darin, den nötigen Lebensunterhalt, d.h. etwas zu essen zu organisieren. Wurst, Fleisch, Fett oder viele andere Lebensmittel waren in einer Stadt wie Berlin knapp. Auf Schwarzmärkten versuchten wir Lebensmittel gegen ein paar wenige Wertgegenstände, die man noch hatte einzutauschen. Kette gegen Wurst oder Ring gegen Kaffee hieß die Devise, immer darauf bedacht nicht bei einer Polizeirazzia erwischt zu werden. Oft sind wir auch wie viele Tausende andere Berliner in überfüllten Zügen, zu so genannten
„Hamsterfahrten“ aufs Land gefahren, um bei Bauern Lebensmittel einzutauschen. Manchmal war das schon sehr deprimierend, wenn man abends hungrig mit leeren Händen zurückkam. Oft fühlte man sich auch ausgenutzt, wenn man kaum etwas für seine Wertsachen erhalten hatte. Mit selbstgefertigten Handarbeiten und Kleidungsstücken konnten wir uns wenigsten einigermaßen über Wasser halten. Außerdem ließ sich in unserem Garten etwas Gemüse und Gemüse anbauen.

Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie kalt der erste Winter nach Kriegsende war. Kohlen gab es kaum, Holz haben wir in der Nacht aus dem Wald geholt - immer in Angst erwischt zu werden. Aber trotzdem haben wir dauernd gefroren, weil alles vorne und hinten nicht gereicht hat.

Musstest du nach Beendigung des Krieges auch beim Wiederaufbau Berlins helfen?

Wie viele andere Frauen wurde ich auch dazu eingesetzt Trümmer und Steine wegzuräumen. Das muss 1945/46 gewesen sein. Männer waren damals entweder im Krieg gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft, sodass diese Tätigkeiten meist von Frauen ausgeführt werden mussten. Die Zerstörung der Innenstadt Berlins war so unvorstellbar, dass ich mir damals nicht vorstellen konnte, dass man sie jemals wieder in überschaubarer Zeit aufbauen könnte. Die Arbeit war schwer, die Bezahlung war jämmerlich. Abends kam man völlig kaputt nach Hause, weil es ja auch keinerlei Maschinen oder Hilfsmittel gab, die einem die Arbeit erleichtern konnten. Der einzige Vorteil den man hatte, bestand darin, das man mehr Lebensmittel als andere bekam. Wenigstens etwas.

Noch heute wundere ich mich oft im stillen darüber, dass man die körperlichen Anstrengungen und Entbehrungen dieser Zeit hat überstehen können. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass solche Zeiten nie, insbesondere in deinem Leben wiederkommen.

Impressum:
Verfasst von Franziska Pierdzioch

Quellen und Bild: Privat