"Gott sei Dank..!"
 
 
Ich, Anna, möchte meiner Großmutter an dieser Stelle danken, für ihre Offenheit, mit der sie mir ihre Erlebnisse im letzten Kriegsjahr 1945 erzählt hat. Ich bin sehr froh dieses Projekt gemacht haben zu dürfen, denn ich wüsste sonst wohl kaum soviel über „ euch, früher“. Ich habe diesen Text mit viel Bewunderung für meine Großeltern und ihre Mitmenschen damals geschrieben und hoffe all die Ängste, Ereignisse und Geschehen so formuliert zu haben, um damit meinen Respekt zu zeigen!
 
 
Maria von Reden, geboren am 24.11.1921
Das Jahr 1945 beginnt für meine Großmutter, Maria von Reden, um den 18. Februar in Breslau, ihrer Heimatstadt.

Ihr Ehemann, Wilken von Reden, den sie erst im Jahr 1944 geheiratet hatte, war als Generalstabsoffizier an der Ostfront. Mitte Februar bekam mein Großvater den Befehl von Russland nach Ungarn zu reisen und schlug vor, meine Großmutter bei einem Zwischenhalt in Wien zu treffen.

Gesagt, getan. Trotz der vielen Ereignisse an der Front, das ständige Näherrücken der Russen im Osten, kam es zu einem Treffen in Wien.

Noch gemeinsam in der Stadt erfuhr meine Großmutter durch ihren Vater, dass eine Rückkehr nach Breslau unmöglich wäre, da die Stadt so gut wie verloren sei.

 
"Es kam alles so plötzlich..."
Die Idee nach Hannover zu ihren Schwiegereltern zu flüchten schien am klügsten.
Doch dazu mussten sie erstmal nach Berlin gelangen.
Doch einfach alles verlassen? Das erst kürzlich gekaufte Haus des Ehepaars, die vielen Erinnerungen an früher, die alte Heimat, wie sollte sie das einfach hinter sich lassen?

Sie fuhren gemeinsam dorthin zurück. Zusammen mit ihrem Mann war sie ein letztes mal in ihrer Stadt, Breslau. Wilken v.R. hatte dafür einen sogenannten "Notstandsurlaub" genehmigt bekommen und begleitete meine Großmutter bei dieser überstürzten Aktion.
"Unverantwortlich" wie sie heute sagt, denn Breslau wurde wenige Tage später von den Russen erobert.

"Die waren so nah, dass wir den Kanonendonner hörten, als sei er direkt neben uns!"
Der sonst so kurze Weg von der Innenstadt bis zu ihrem Haus - eine kleine Odyssee.
Eine Kostprobe für die kommenden Wochen und Monate!

Viele der Breslauer waren nun schon auf der Flucht und ein sogenannter "Verteidigungsring um Breslau" war in Aktion getreten.
Ein Postenmann zwischen Breslau und Breslauland ließ meine Großeltern schließlich doch noch passieren und so gelangten sie ein letztes Mal zu ihrem Haus.

Das Nötigste wurde verpackt bzw. eingepackt.
"Hinterher betrachtet waren das so Nichtigkeiten" ...wie z.B. das Abendkleid "weil Wilken es immer so schön fand, wenn ich es trug!"

Aber wie sollten sie, wenn sie innerlich so überhaupt nicht vorbereitet waren, mit kühlem Kopf packen?
Die nächstbeste Straßenbahn wurde genommen, um zum Generalkommando zu gelangen, der Arbeitsplatz von Marias Vater.
Doch anzufinden war nur noch das Nachkommando, alle anderen waren längst evakuiert.

„Wann der nächste Zug Richtung Berlin fahren würde?“ erkundigten sich meine Großeltern.
Es gab noch genau einen einzigen. Der sollte vom Odertorbahnhof fahren und, um es mal in einen Vergleich zu setzen, kann man sich die Entfernung so weit vorstellen wie von Frohnau nach Zehlendorf.
"Die fahren da ab, wenn sie meinen, es muss jetzt sein" waren die Worte des Auskunftgebenden und so begann die zweite kleine Odyssee auf dem Weg zu ihrer richtigen großen, -20°C, offene Wagen, Schnee, Eis, Kälte... nur einige Worte, die so vielen den Mut und Glauben nahmen und den Winter 1945 prägten.

Sie erreichten den Zug noch rechtzeitig und kamen bis Liegnitz. Ein weiterer Zug nach Berlin wurde gesucht und schließlich auch gefunden.

„Ich habe den Bahnsteig, die vielen Menschen noch genau vor meinen Augen. Federbetten, Körbe, jeden Menge Räubergepäck, überall Menschen, der Zug war besetzt bis in den letzten Winkel.“

Berlin
Angekommen in Berlin war es eine „total veränderte Welt“. Zuhause, die Front im Nacken, spielte sich in Berlin das Leben ab „als ob gar nichts wäre!“,

Die Eltern der Schwägerin waren zu diesem Zeitpunkt noch in Berlin und das Haus war stehen geblieben. Dort fanden meine Großeltern zuerst einmal eine Herberge.

Aber lange ruhten sie nicht. Anfang Februar brachen sie erneut auf und landeten bald in Hannover bei den Eltern meines Großvaters.
Dieser musste nun wieder an die Front und ließ seine schwangere Frau mit den Worten „geh nie wieder über die Oder!“ in der Obhut seiner Eltern zurück.

Viele Luftangriffe bestimmten das Leben in Hannover. Da gab es zum einen die Angriffssirene, nach deren Ertönen man so schnell wie möglich im Bunker Schutz finden musste, oder aber die Entwarnungssirene, die dem Grauen für das Erste ein Ende setzte.

Es kamen schreckliche Nachrichten von der Bombadierung Dresdens und mein Urgroßvater schickte seine Schwiegertochter und das sich ankündigende Enkelkind kurzerhand in einen Luftkurort namens Hahnenklee. „Ziemlich überflüssig“ fand meine Großmutter das.

Ihre Eltern und Schwester waren mittlerweile in der Nähe von Halberstadt gelandet, auf dem Gut einer Tante, und waren von einem Tiefflieger, der eine Feldarbeiterkolonne für Soldaten hielt und beschoss, verletzt worden. Zum Glück nur leicht.

Der Vater meiner Großmutter kam in ein „Wehrmachtserholungsheim“ und ihre Mutter und Schwester besuchten sie in Hahnenklee.

Die Front war nun von allen Seiten präsent. Zurück nach Hannover war undenkbar „Hannover war abgeriegelt!“

 
Die Odyssee geht weiter und will kein Ende nehmen...
Aber wohin dann? Zurück nach Halberstadt?
Eine weitere Zugfahrt wurde angetreten, eine Zugfahrt die prägte.

„Der Zug kam zum Stehen, direkt neben einem Zug mit Strafgefangenen, mit der Nummer auf der Brust. Auf einmal waren wir unter Beschuss von oben; die waren barbarisch, haben einfach alles abgeschossen, was sich bewegte!“ Die wenigen, die in einem Waldgürtel Deckung suchten, kamen nicht weit.

Meine Großmutter hatte großes Glück, ihr und ihrer Familie war nichts geschehen.
Zu Fuß machten sie sich auf den Weg in den nächsten Ort, in dem der Vater schon bald eine Mitfahrgelegenheit Richtung Halberstadt organisieren konnte.

Die Fronten waren mittlerweile noch weiter zusammengezogen, „man war nirgends mehr sicher!“
In Planwagen, mit einer Flageinheit Soldaten, einem Mann auf der Motorhaube, um nahende Tiefflieger hören und sehen zu können, ging die nicht enden wollende Odyssee weiter.

Unverletzt erreichte meine Großmutter das Gut Klockow und wurde mit den Worten „Ihr lauft vor den Amerikanern weg und dem Russen direkt in die Arme?“ empfangen.

Die Flucht sollte kein Ende haben. Zusammen mit einer befreundeten Familie v. Seidlitz flohen sie aufs neue. Es sollte Richung Schleswig Holstein gehen.

Am 20. April 1945 ging es los „das war Hilters Geburtstag, aber der Termin ging uns innerlich nichts an.
Auch Worte wie ‘Berlin bleibt Deutsch!’ Und ‘Wien wird wieder Deutsch!’ waren ohne wirkliche Bedeutung in dieser Situation.

Es war der 1.Mai, die Obstbäume blühten, es schneite und wir waren bereits 3 Wochen auf der Landstraße unterwegs!“

Mit dem Tage der Kapitulation, dem 8. Mai, erreichte meine Großmutter zusammen mit Familie und Freunden die kleine Stadt Itzehoe. „Die Möglichkeit des Kennens,“ sagt sie heute „ hat uns geholfen, immer wieder aufs neue irgendwo unter zu kommen!

“ Es wurde in einer Schule auf der Erde, in Scheunen auf Heu und Stroh oder aber in Säälen voll mit anderen Flüchtlingen geschlafen. „Es war alles voll!“

So verging die Zeit, an Normalität war nicht zu denken.
Mitte Juli brach meine Großmutter erneut auf, um von Hamburg nach Hannover, um erneut zu ihren Schwiegereltern zu fahren. Mittlerweile hochschwanger.
Zusammen mit einer entfernten Cousine, die sie begleitete, traten sie die Fahrt in Güterwagen an.
In einem kleinen Ort namens Ülze mussten sie die Wagen verlassen und die einzige Möglichkeit weiterzufahren war ein Kohlentransport nach Lehrte. „Wir trohnten also im strömenden Regen auf den Kohlenhaufen und fuhren durch das Land.“
Es war für sie wie im Paradies, als in Lehrte völlig intakte Personenwaggons „mit heilen Fenstern und richtigen Sitzen“ bereitstanden um den letzten Teil ihrer Reise zu tun.
In Hannover war die Freude groß.

Mein Großvater kam nach dem Krieg in Kriegsgefangenschaft in Mauerkirchen bei Braunau im Intal und kehrte Ende September 1945 nach Hannover zurück, wo meine Großmutter Anfang Oktober meinen kerngesunden Onkel zur Welt brachte.

Impressum: Anna v.Lenthe
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